Elender Staub

Weil seine Zuflüsse rücksichtslos abgezweigt werden, trocknet der Aralsee aus. Wind fegt über von Menschen gemachte Wüste, die mit Gift aus dem Baumwollanbau verseucht ist. Kinder werden krank, Kinder sterben. Die Regierung Usbekistans redet die Katastrophe schön.
Aug 2004, No. 45

Weltkarte

Heftinhalt mare No. 45

TOKELAU
Eine Gesellschaft geht unter

ROTORSCHIFF
Biografie einer genialen Idee

CORNWALL
Die Malocher der Meere
Hier bewerten
(24 Bewertungen)

Neulich noch hat Arslan seinen Bruder aufgesucht, ist den Hügel hinauf, der vor der Stadt liegt. Schritt die Reihen der Gräber ab, bis er zu der Stelle kam. Streichelte, küsste den Stein. Grub die Hände in die Erde - seine Erde. Arslan, der „Löwe". Nun ist er selbst krank. Ein dunkler Gang, lang und schmal. Kinderzeichnungen rechts und links, ein Krokodil mit Akkordeon, ein tanzender Schneemann. Am Ende Licht. Da liegt er.

Anzeige




Die Mutter, eine zierliche Frau mit rotem Samtkleid, spricht leise, aber stetig. Redet vom Gluthauch der Wüste, der einem fast die Augen verkohlt. Der so giftig ist, dass der Atem ihrer Söhne zu rasseln begann. Redet von den 25000 Sum, die sie verdient - 25 Dollar -, den 60000, die sie für Medikamente brauchte, dem Vieh, das sie verkaufen musste, redet und redet in einem fort, damit es nie still wird. Der Löwe schläft. Eine Wodkaflasche mit Milch steht auf dem Nachtschränkchen. Gleich daneben weitere Betten. Das Mädchen Gulschean mit geschorenem Schädel, das schnalzt und mit den Augen flattert, als würde ein Zug vorbeifahren. Das Hirn verkümmert, wie bei vielen Kindern in der Region. Jerlan mit dem Klumpfuß am Balken über dem Bett, dort hängt das Bein festgeschraubt, alle paar Wochen rückt der Knochenstrecker einen Zentimeter weiter. Seine Mutter hat der Krankenschwester einen Schein zugesteckt, „passen Sie gut auf mein Kind auf". Ganz in der Ecke ein Junge, Blassgesicht: Islam Karimow. Was für ein Name.
4 von 6 Bildern
„Oh", haben die Krankenschwestern gesagt, „der Herr Präsident." Islam Abduganjewitsch Karimow, Staatsoberhaupt der Republik Usbekistan seit 1991. Meine lieben Kinder, vergesst nie, dass ich an nichts spare, um euch glücklich zu machen. Ihr seid die Zukunft meines Landes. Nichts liegt mir mehr am Herzen als eure Gesundheit. Dabei meine ich nicht nur die körperliche. Ein gesunder Körper heißt: gesunde Ansichten, gesunde Moral.

Autor Dimitri Ladischensky

Dimitri Ladischensky, Jahrgang 1972, mare-Redakteur, reiste drei Wochen lang im Auto durch die Aralseeregion Karakalpakstan - mit Medikamenten für die Krankenhäuser und einem Akkubohrer zu Operationszwecken. Schwierig gestaltete sich die Recherche: Passierscheine vom Außenministerium waren plötzlich erforderlich, und als die dann besorgt waren, gab es doch nur präparierte Gesprächspartner und potemkinsche Dörfer. weitere Infos

Sechs Dollar gibt Karimow im Jahr für die Gesundheit jedes Bürgers aus. Unter 60 Dollar, meint die Weltgesundheitsorganisation (WHO), ist eine Minimalversorgung nicht möglich. Dagegen investiert er Millionen in Propagandaplakate und Schautafeln, bedeckt das kahle Land mit blumigen Phrasen, zeigt fettes Wiesengrün, wo nichts wächst, spricht von Überfluss und Wohlstand inmitten bröckelnder Plattenbauten, vom Stolz auf das Geleistete. Aber die Parole von der Überlegenheit usbekischer Ingenieurskunst hängt schief am abgeknickten Mast.

Karakalpakstan heißt das autonome Gebiet südlich des Aral. In das Meer hinein erstreckte sich auf einer Halbinsel die Hafenstadt Muinak. Heute liegt sie in der Wüste. Überall hat Karimow Schilder an Straßenlaternen anbringen lassen, hoch genug, dass keiner sie herunterschlagen kann. Es ist das Jahr der blühenden Viertel  oder Usbekistan ist ein Land mit grandioser Zukunft. Ein Bild zeigt wogende Felder in einer Mulde aus zwei Händen. Ein paar Laternen weiter, Kraftmenschen mit schwellenden Bizepsen an übervollen Fischnetzen, beschwören Fisch als Reichtum unseres Volkes. Dann, ganz ohne Bild, als sei es offenkundig: Usbekistan blüht. Aral lebt! Am Eingang von Muinak der Prolog: Wir müssen unsere Kinder dazu bringen, das Land zu lieben.

Als in der ersten Aprilwoche Attentäter in Buchara und Taschkent Sprenggürtel vor Polizeistationen zündeten, die Armee mit Schützenpanzer gegen islamische Extremisten vorging, Menschen in Fetzen flogen und vom Frühling nicht viel blieb, resümierte am Sonntag der Nachrichtensprecher vom staatlichen Fernsehen die Woche: „Die Aprikosen blühen und die Kinder spielen, alles ruhig." Es ist wie mit den Schauspielern auf der Bühne, die durcheinanderreden: Immer ist der am besten zu verstehen, den ein Schweinwerfer beleuchtet, so blendet Islam Karimow Misstöne aus und wirft ein anderes Licht auf sein Land.

Schon damals hatte man den Menschen in Muinak erzählt, was sie sehen, sei nicht Wüste, sondern Ebbe. Vorübergehend. Die Gezeiten hätten heute größere Intervalle. „Muinak bleibt unser Hafen." Das war vor 40 Jahren. Nichts blieb, nur das Vorübergehende.

Willkommen am Meer Aral. Weithin Sand, vom Wind in Form gebracht, Sand und Strauch. Schiffswracks auf Dünen. Die Kaimauern verschwunden. Die rostigen Stahlpfähle, einmal Kräne - vielleicht. Ein Silo, ein Schlagbaum in der Einöde - wozu? Hier kennt sich nur noch die Erinnerung aus. Fahler Busch auf farblosem Grund. Doch leben welche an der Küste. Aus Planken sind die Hütten gemacht, ein Misthaufen davor, Kühe, ein paar Hähne. Das Dörfliche nehmen gleich die Mietskasernen dahinter, den Rest an Beschaulichkeit die Ruinen zur Stadt hin. Wie leer es ist, wo etwas war.

Fischbrigaden liefen Tag und Nacht mit Trawlern aus, ihren Fang verarbeiteten Fabriken zu Tausenden Tonnen Konserven für die ganze Sowjetunion. Umgekehrt flogen Rheumakranke und Schwindsüchtige aus den Bruderstaaten zur Kur nach Muinak. Der Aral war Heilquelle gegen Schuppenflechte, Entmüdungsbad für Werktätige, an seinen Stränden standen Pionierlager, Künstler fanden sich zur Sommerfrische ein. Vielleicht kein mondänes Spa, aber der Westen im Osten.

Noch zwei Lachen groß ist der Aral, 120 Kilometer zieht sich der Strand, Salzdünen weiß wie Schnee. Einfach kann es hier nie gewesen sein. Die Seidenstraße machte einen Bogen um die Ufersteppe, Stalin hätte sie nach Sibirien verlegt, wäre sie nicht längst Geschichte gewesen und den Marxisten Inbegriff des Irrwegs. Wer Seide wollte, war schon betucht, das Proletariat brauchte Baumwolle fürs nackte Überleben, Russland fror. In Usbekistan war Raum für eine große Idee, die Steppe war warm und weit, aber trocken, „Hungersteppe". „Ein Volk, das die Ausbeuter besiegt hat", meinte der Stählerne, „schafft auch die Natur." Man grub den beiden Zuflüssen des Aral, dem Syr-Darja und dem Amu-Darja, der breiter noch als der Nil war, das Wasser ab und goss die Steppe. Wo Platz war, wurde Baumwolle gepflanzt, auf Feldern, in Gärten und Blumenbeeten, anstelle von Wassermelonen und Tomaten, Oliven, Erdbeeren. Als das Meer wich, jubelten die Bauern über neuen Ackerboden. Rekordernten von sechs Millionen Tonnen. „Mit Titanensätzen der Zukunft entgegen." „Bald überholen wir die USA." Rückschritte gab es, um Anlauf zu holen. In allen Planungen wurde das Meer übersprungen.

Fotograf Francesco Zizola

Francesco Zizola, 1962 geboren, lebt in Rom und arbeitet unter anderem für das „New York Times Magazine", „Time" und mare. Die Bilder vom Aralsee entstanden im Rahmen seines Fotoprojekts über die Lebensbedingungen von Kindern rund um den Globus. weitere Infos

Was macht die Wüste aus? Sand, Wind und Stille? Sie ist Geröll auf Straßenstaub, Staub auf Staub von Staub. Trümmer zwischen Fassaden ausgeweideter Häuser. Wind pfeift an Stromdrähten, treibt Ballen aus Gestrüpp um die Ecken. Lumpenkinder wühlen nach Schrott. Geschlossene Hallen, stillgelegtes Leben. Die Kühe haben sich die Wurstabteilung des Supermarktes erobert, Hühner in der ersten Reihe des „Kinoteatr". Doch nur das Wetter ereignet sich. Von den Fischfabriken sind die Grundmauern geblieben, Passepartouts einer Wirklichkeit, die man sich schön ausmalen kann. Wo so wenig ist, kann alles sein. Nicht einmal Bettler - wen sollte man um Geld angehen? Afrika hat auch im Elend Farben, Muinak ist Staub.

Wenn der Frühling kommt, die Knospen sprießen und das Land sich in Grün kleidet, fühlen sich alle und ein jeder eins mit Mutter Natur. Dieses einzigartige Mysterium und die Schönheit der lichten Welt erwecken in jedem von uns die besten und edelsten Gefühle. Ich erkläre 2004 zum Jahr der Güte und Barmherzigkeit.

Fotos zeigen Karimow, wie er grinsend Goldbarren stemmt. Er besitzt Limousinen, luftige Residenzen. Sein Arbeitsweg, eine zehn Kilometer lange Strecke durch die Stadt, wird zwei Mal am Tag eine halbe Stunde gesperrt. Seiner Tochter gehört das Telekommunikationsunternehmen des Landes. Überhaupt sind die Pfründen der Taschkenter Nomenklatur gut gefüllt. Gold am Handgelenk, Pelze und Lacktäschchen, Gattinnen, die man bei der Ehre nimmt, kommt ihnen der Verkäufer nicht mit dem Teuersten.

Ich bin ein Sohn Karakalpakstans.
Olmas heißen viele Kinder in Muinak. Olmas, „der Unsterbliche". Oder Gayrat, „der Kräftige". Salamat, „der Gesunde". „Der Lebendige", „Der Unbeugsame". Was den Geschwistern zum Leben gefehlt hat, sehen die Eltern als ausgleichende Gerechtigkeit den Nachgeborenen in die Wiege gegeben. Namen kosten nichts; wo Antibiotika einen halben Monatslohn übersteigen, hält man es mit Karimows Heilkraft der Suggestion.

Die Bewegung der gesunden moralisch-geistigen Lebensführung sollte bei der Jugend keinen Stimmungswandel oder Zukunftsängste zulassen als Folge von vorübergehenden Schwierigkeiten.

So gesehen, ist auch der Tod nur eine Prüfung, die noch jeder gemeistert hat.
Die Sorge um Mutter und Kind ist die wichtigste Staatsaufgabe. Die Republik hat ein hoch entwickeltes System medizinischer und sozialer Dienstleistungen, durch das alle Zugang zu allgemein medizinischen und fachärztlichen Versorgungsmöglichkeiten haben. Über 1300 Krankenhäuser, mehr als 3000 Polikliniken sowie ein engmaschiges Netz von Arztstationen auf dem Land. Mehr als 76000 Ärzte aller Fachrichtungen leisten qualifizierte ärztliche Hilfe, auf einen Arzt kommen im Schnitt 298 Personen. Das ist eine bessere Quote als in vielen Entwicklungsländern.

Das Kinderkrankenhaus von Muinak. Eine miefige Baracke mit Wellblechdach. Tesafilm hält die Scheiben im Rahmen, das Linoleum auf dem Flur kaum bessere Flickschusterei. In den Zimmern 20 Kinder, Feldbetten mit fleckigen Matratzen, wenig Licht. Dafür fließend Wasser: Eimerweise wird das Reservoir von rollbaren Waschkommoden gefüllt. Keine Dusche, keine Toilette. Ob bei Fieber oder minus 20 Grad: Draußen ist das Plumpsklosett. Keine Mutter lässt hier ihr Kind allein, zumal der Einsatz der Krankenschwestern zu wünschen lässt, seit Mehl die Lohntüten füllt.

Nierenprobleme, Lungenentzündungen, Bronchitis, Asthma, Tuberkulose. Die Befunde gleichen sich. Ein Notstromaggregat hat das Krankenhaus nicht. Man operiert vorsorglich mit Akkubohrern. Putzfeudel im OP, blutige Einwegspritzen in Sammelboxen zur Wiederverwendung. Steril allein das Minzgrün der Wände. Einen Krankenwagen gibt es, aber keinen Diesel. Den müssen die Patienten selbst mitbringen, wenn sie in ein besseres Krankenhaus wollen. Die Sorge um Mutter und Kind ist die wichtigste Staatsaufgabe. Bleibt sie weiterhin bloße Anteilnahme, werden bald tatsächlich nur noch 298 Menschen pro Arzt am Leben sein.

20000 Einwohner hatte Muinak, 8000 sind es heute. Nur die Toten auf dem Friedhof drängeln sich. So nah sind sich die Lebenden nicht. Es scheint, als sei mit dem Meer alles Gemeinsame aus der Stadt verschwunden. Mitte der Achtziger begannen die Nächte zu knistern, man sah im Widerschein der Sprühfeuer Schneidbrenner durch Schiffe gleiten. Und am Morgen darauf Bullaugen in lehmgebackenen Hütten, Stahltüren in Strohpalisaden. Bordwände für das bisschen Habe. Früher gab es mehr und trotzdem nichts zu verstecken. Heute klauen sie die Klinken.

Wodkarunden im Staub. Männer mit in die Stirn gezogenen, schwarzen Lederkappen. Man hatte ihnen Baumwolle statt Fisch versprochen. Plakate haben sie bekommen. Der Amu-Darja erreicht seit Mitte der achtziger Jahre die Mündung nicht mehr, weil er bereits von Hunderten Baumwollplantagen flussaufwärts aufgebraucht wird. Titanengleich waren die Sowjets: Nie wurde eine größere Wüste verbrochen. Das wenige, was die Menschen heute verdienen, verdanken sie dem Schreckbild ihrer Stadt. Wer fortzieht, schenkt sein Haus den Plünderern - einen anderen Interessenten findet er nicht. Schrotthändler verkaufen dann die Backsteine als Baumaterial für den letzten Ruhesitz. Mausoleen sind die einzig gefragte Immobilie.
Am Ende ist Staub. Aber ist er nicht auch aller Anfang? Was sagt die Zukunft unseres Landes? „Nichts will ich werden, hier gibt es keine Arbeit." Oder: „Schule? Wozu?" Lieber balancieren Kinder auf Wärmeleitungen und spielen Fußball, wenn sie nicht gerade auf der Suche nach Schrott sind. Ihre Jacken und Hosen sind bunte Zufallskombinationen. Der Bürgermeister, so die Eltern, zerpflückt alle Kleiderspenden und behält die besten Sachen für sich.

Gelder erreichen den Aral gar nicht erst.
An der Steilküste, über der Wüste, steht das eiserne Segel, in Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg. „Der Sieg der Väter ist das Erbe der Kinder." Am Triumph über die Natur haben noch die Enkel zu schaffen.

Pestizide, Düngemittel, Herbizide, die Sowjets zwangen die Steppe ins Grün. Zur Ernte schickten sie Schulkinder auf die Felder, halb sechs in der Früh bis Einbruch der Dunkelheit, befahlen ihre Gesichter in Lumpen, wenn die Helikopter kamen, feiner, beißender Niesel - Agent Orange, das Entlaubungsmittel im Vietnamkrieg. Nachts, in den Schlafbaracken, Keuchen und Würgen. Das ganze Land sollte das Gift bis heute nicht loswerden. Als Abwasser gelangte es in den Amu-Darja und Syr-Darja, von dort in den Aral. Im Meer noch gebunden, ist es nun, in der Wüste, frei. Jedes Jahr jagen 43 Millionen Tonnen giftiger Staub durch die Luft. Nordwind, sagen die Karakalpaken.

In Wurzelgemüse findet sich die zwölffache Menge DDT westeuropäischer Proben, in Muttermilch und Blut die fünffache Menge Dioxin, obwohl seit 1987 keine toxischen Mittel mehr gesprüht werden. Im Reis das hochgiftige 2,3,7,8-TCDD, auch das Wasser verseucht. Ein gesunder Körper heißt: gesunde Ansichten, gesunde Moral. Gesund, würde Karimow sagen, ist die usbekische Tischsitte, den Tee trinkbar zu taufen, indem die ersten drei Tassen einer Kanne zurück ins Gefäß gekippt werden: Anfangs ist darin noch „laj" - Dreck, nach der zweiten Tasse schon „maj" - Öl, schließlich „caj" - Tee.

Muinak, Kinderkrankenhaus. Im Vorzimmer hängt das Plakat einer stillenden Mutter, umhegt von einem Kranz aus Baumwolle. „Von gesunden Müttern werden gesunde Kinder geboren." Chefarzt Dr. Reimow, weißer Kittel, weiße Haube. Gold blitzt, wenn er grimassiert: „Die Chemikalien, die härten unsere karakalpakische Jugend doch nur ab. Oder haben Sie hier Kinder mit zwei Köpfen gesehen?" Über ihm das Porträt Karimows. Steinerne Miene, Strichlippen. „Der Staat tut, was er kann. Und das kostenlos." Aber er kann nicht alles. Das Volk muss schon mitmachen. Der Hinweis auf die Schautafel:
1) Gehen Sie zu Fuß zur Arbeit
2) Machen Sie viele Tätigkeiten an frischer Luft
3) Den Kopf gerade halten
4) Die Aktentasche nicht einseitig tragen
5) Planen Sie Ihren Tag
„Und prompt sieht man auch keine Dinge mehr, die es nicht gibt."

Nukus, Hauptstadt Karakalpakstans. Breite Boulevards, aber nur wenige Ladas. Riesige Aufmarschplätze, auf denen ein Dutzend Polizisten paradiert. Hochhäuser, die nicht einmal zur Hälfte belegt sind. Die Stadt ist sich selbst zu groß geworden. Immerhin war man so taktvoll, den Vergnügungspark abzumontieren. Die Fischindustrie ist ohne Fisch, die Baumwolle am Tropf - solange das Rinnsal vom Amu-Darja noch kommt. Stützgelder fließen seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 nicht mehr. Die Fronten der Wohnkästen sind mit überdimensionalen Wabengittern verkleidet - sowjetischer Stuck, um Beton zu hübschen. Nachts blinken Lichtgirlanden im Wind. Frauen mit blondiertem Haaraufbau und Leopardenröcken, Männer mit schwarzen Persianermützen, bei Dunkelheit nur an Lichtschlitzen im Scheinwerferkegel zu erkennen. Man könnte sie für wilde Tiere halten. Aus Angst vor Kratzern tankt der Bürgermeister seine S-Klasse hinter schäbigen Hinterhofpforten. Den Pomp und die Bühne überlässt er den „Reichtümern des Landes".

Aller Luxus des „Republikanischen Kinderkrankenhauses" ist eine funktionierende Heizung; die Beatmungsgeräte sind bis auf den handgetriebenen Blasebalg ausgefallen, die Badewanne ist zugleich Latrine. Dr. Ergalijew, Leiter der Orthopädie, ist ein direkter Mensch. „April und November sind die Monate, in denen häufig Nordwind ist. Wenn eine Frau in diesen Monaten schwanger wird, ist die Chance groß, dass das Kind krank oder geistig behindert zur Welt kommt." Eine Krankenschwester ergänzt: „Wir haben hier viele Babys mit Klumpfüßen, aber laut sagen darf man nur: Gesundheit beginnt von Kindesbeinen an."

Obwohl sie weniger Inzest und Geburten von Müttern über 40 haben, so die Chefärztin Mariam Sabirowa, nähmen die Anomalien weit über dem Landesdurchschnitt zu. Für die vergangenen drei Jahre weisen die Krankenhaustabellen eine Vervierfachung auf, was dann doch kaum möglich scheint - mag sein, dass Übertreibung das einzige Mittel ist, um überhaupt etwas von der Regierung zu bekommen. Zugenommen haben auch die Nierenleiden wegen des versalzenen Trinkwassers. 90 Prozent der schwangeren Frauen in Karakalpakstan leiden an Anämie - die Gifte im Blut erschweren die Eisenaufnahme, schlechte Ernährung tut ein Übriges. Gesund sind nach einer Studie von 2003 nur 16 Prozent der Schulkinder. Laut „Ärzte ohne Grenzen" ist „etwa die Hälfte aller Todesfälle bei Kindern in Karakalpakstan auf Atemwegserkrankungen zurückzuführen": Lungenentzündungen, Bronchitis, Asthma durch giftige Staubstürme.

Offiziell sind in den Krankenhäusern Behandlung und Medikamente für Kinder unter 14 Jahren kostenlos. Trotzdem zahlen manche Eltern umgerechnet 50, 60 oder 100 Dollar im Monat für mitgebrachtes Essen und Arzneien aus der Apotheke, doppelt so viel, als sie verdienen. Was in den Vorratsschränken der Hospitäler fehlt, kostet auf dem Schwarzmarkt mitunter mehr als in deutschen Apotheken. Mariam Sabirowa kann je Patient pro Tag 200 Sum an Arzneien ausgeben, 20 Cent. „Wenn ich bei der Regierung um mehr bitte, heißt es: Falls mir der Job nicht passt, soll ich mich doch nach einem anderen umschauen."
Es gibt Doktoren, die spendieren mittellosen Eltern die Medikamente. Es gibt auch den Spruch: „Gott schütze uns vor der Polizei und den Ärzten." Das übliche Handgeld vor der Operation garantiert nichts. Man erzählt sich von Chefärzten, die zur Pulsmessung Blut abnehmen.

Dr. Chamrajew, stellvertretender Gesundheitsminister von Karakalpakstan, mit grauem Anzug und grauer Krawatte. „Was fragen Sie mich? Bin ich Politiker?" Er schüttelt den Kopf. „Wenden Sie sich an den Präsidenten. Den Kindern geht es nicht schlechter, da täuschen die Zahlen. Wir verbessern unsere statistische Arbeit und erfassen immer mehr der immer weniger Kranken." Pause, einwirken lassen ... ein Ruck, er nimmt wieder Haltung an, Blick von unten. „Ich höre immer nur: der Staat, der Staat. Fragt mal einer, wie das Volk uns helfen kann? Die Eltern zum Beispiel könnten nicht mehr als drei Kinder bekommen. Und sie besser ernähren." Chamrajew hebt den Zeigefinger. „Großen Einfluss auf die Gesundheit hat die Lebensweise, Gott nicht zu vergessen. Wenn Sie mich fragen: Mir wäre nicht geholfen, den Aral zu verlassen. Ohne meine Heimat könnte ich nicht leben." Damit schließt er, Anbetung im Gesicht.

Ziel muss sein die physische und geistige Entwicklung der Kinder, die Schaffung eines nationalen Selbstbewusstseins, ein gesundes Verhältnis zum Land und seinen Reichtümern. Wir wollen nicht verheimlichen, dass in unserem Land nicht alles hell ist. Unsere Unabhängigkeit und nationale Sicherheit sind bedroht. Die politische Souveränität hat manche Köpfe verwirrt. Auch die der Jugend. Ungestüm war sie ja schon immer. Daher braucht sie den Beistand und die moralische Führung ihrer Altvorderen. Gerade die Erfahrung der bolschewistischen Kontrolle über die Hirne sollte allen Fanatikern in unserem Land abschreckendes Beispiel sein. Behutsam, wie ein Chirurg einem Kind einen Bypass legt, transformiert unser Präsident das Denken der Jugend.

Über sich spricht der Präsident wenig. Ich bin ein Sohn Karakalpakstans. Aufgewachsen ist Karimow in einem Waisenhaus. Ohne die Last der Herkunft konnte er unter den Sowjets zum Präsidenten einer Nation aufsteigen, die lange keine war, weil kein Familienklan dem anderen die Führung lassen mochte. Und heute? Es gibt viele Söhne Karakalpakstans. Es gibt Hoffnung.

Chodscheli, Waisenhaus. Der stellvertretende karakalpakische Minister für Bildung, Achmet Narimbetow, sagt: „Die Kinder müssen unterschreiben, dass ihre Eltern tot sind." Der Leiter des Waisenhauses hält dagegen. „Die meisten Eltern leben - in Kasachstan". Genaueres wisse er auch nicht; er holt Atem, als müsse er zurückspulen, was er eben gesagt hat. Seine Stellvertreterin hält fest: „Von den insgesamt 243 sind 29 Vollwaisen, der Rest sind Halbwaisen - Kinder von Eltern, die nach Kasachstan zur Gastarbeit ausgewandert sind."
„Kommen Sie, wir haben nichts zu verstecken."
Im Vorbeigehen klappen wie von selbst die Türen auf, Kinder tanzen in Trachten, andere rezitieren Parolen. „Wir sind alle offen, fragen Sie nur!"
„Wie alt bist du?"
„Es ist schön hier."
„Wo sind deine Eltern?"
„Wir bekommen drei Mal am Tag zu essen." „
„Hast du Geschwister?"
„Sogar in den Ferien möchte ich hier bleiben." Der Direktor nickt beipflichtend.
„Gibt es einen Psychologen?"
„Selbstverständlich", sagt er und zeigt auf den Mann, der gerade noch Unkraut gezupft hat. „Ihn brauchen Sie aber nicht zu fragen, er ist neu hier."

Das Ende von Muinak. Ein zernarbter Unterstand, die letzte Bushaltestelle. Leute dösen hingereckt auf Karren. Noch ein geplatzter Reifen am Wegrand, ein letztes Schiff, dann beginnt die Zukunft. Durch ein Spalier aus Masten, die man in den Sand getrieben hat, rumpeln Lastwagen in die Wüste. Weit draußen bohrt Usbekneftgas. Die Förderstätten sind noch nicht sehr ergiebig, aber lassen hoffen. Der Aral kommt nicht mehr, sagt ein Mann, weil die Leute ihn nicht mehr wollen.

Am Ortsausgang hängt ein Plakat von den Handflächen des Messias. An den Gelenken klafft ein Schnitt, die Pulsadern hängen wie Gartenschläuche in eine Wüste. In seinem Buch schreibt Karimow: „Die Holländer konnten Meer zu Land machen, wir müssen es umgekehrt tun." Neulich hat er Wladimir Putin vorgeschlagen, den russischen Ob in den Aral zu leiten. „Und was machen wir mit dem ganzen sibirischen Wasser? Wir züchten Baumwolle, Melonen, Tomaten und Reis."

Nicht weit von Muinak liegt die Anstalt Jaslik. „Die Häftlinge haben es komfortabel, sie essen gut und spielen Fußball. Im Grunde eine Gesundheitsfarm", sagt Direktor Kolumbetow. So gesehen, die beste des Landes, noch jeden hat sie geheilt. Ein gesunder Körper heißt: gesunde Ansichten, gesunde Moral.

Hier wurde Musafar Awasow als Mitglied der verbotenen islamischen Organisation Hisb ut-Tahir eingeliefert, einer von mehr als 6000 politischen und religiösen Gefangenen in Usbekistan. Im August 2002 starb er plötzlich. Die Gefängnisleitung gab an, er habe sich geprügelt und sei von anderen Häftlingen mit Tee verbrüht worden. Bevor der Leichnam verscharrt wurde, bat die Mutter um ein Foto. „Musafars ungeborener Sohn soll seinen Vater einmal zu Gesicht bekommen, egal in welchem Zustand." Alle Zähne waren eingeschlagen, die Nägel aus dem Fleisch gezerrt. Oberhalb der Hüften eine merkwürdige rötliche Umrandung. Wie ein Chirurg einem Kind einen Bypass legt, transformiert unser Präsident das Denken der Jugend. „Sie haben", sagt Fatima Muchadirowa, „mein Kind zu Tode gekocht."
Gott schütze uns vor der Polizei und den Ärzten.

Hier bewerten
(24 Bewertungen)