Japanischer Kraftstoff

Fisch oder Fleisch? Für Sumoringer keine Frage. Wer Vierfüßer isst, endet im Ring auf allen Vieren. Mit dem rechten Eintopf im Magen aber schlägt man jeden Gegner.
Aug 2004, No. 45

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Heftinhalt mare No. 45

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Zehn Schalen Reis mittags, zehn Schalen Reis abends, dazu jeweils drei Schüsseln Fischeintopf, große Schüsseln natürlich. Er musste essen, viel essen, mehr essen. Er musste so viel essen, bis er sich beinahe erbrach. Essen war Schwerstarbeit und Akihide Naruyama 15 Jahre alt. Heute ist der Zopf ab, das Haar wieder kurz, so wie es einst war, bevor Naruyama beschloss, dem Vater nachzueifern und einer von denen zu werden, die sie in Japan so verehren. Ein Sumoringer, ein edler Mann von großer Kraft.

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Autorin Sandra Schulz

Sandra Schulz war mare-Redakteurin für Politik und Gesellschaft bis Frühjahr 2008. weitere Infos

Naruyamas Lokal liegt versteckt in einer Seitengasse, nicht weit von der „Halle der nationalen Kampfkunst" in Tokio. Ein paar blanke Holztische, an der Wand gerahmte Erinnerungen, die den Raum schmücken: die Handabdrücke der ehemaligen Kollegen aus dem Sumoclub, die alte Brokatschürze des Vaters, der Stolz jedes Ringers, mit Kordeln und einer rot gestickten Sonne, die in den Wellen versinkt, die Fotos vom Kampf.

Hinter der Bartheke fängt die Küche an, dort regiert Naruyama in Gummistiefeln über dampfende Töpfe. Naruyama packt einen Fisch, klatscht ihn aufs Brett, schlitzt ihn auf. Seine Hände sind immer noch kräftig. Es sind die Hände, die sich ins Fleisch seines Gegners gruben und sich im fremden Lendentuch verkrallten, während sein Bein sich um das Bein des anderen schlang und es nach innen wegdrückte. Soto gake heißt die Technik, soto gake war Naruyamas Spezialität im Ring. Damals wog er 140 Kilogramm, jetzt sind es nur 100. Doch das Doppelkinn wackelt wie eh und je. Er kocht chanko nabe, den Eintopf der Sumoringer. Dieses Mal aber müssen die anderen essen.

Naruyama hat das Restaurant als Rentner eröffnet, mit 28 Jahren. Da war seine Zeit als Ringer schon seit vier Jahren vorbei. Als sein neues Leben begann, fehlte es an vielem, vor allem an Geld. Denn in die höheren Ränge, wo Bewunderung und Gehalt ins Grenzenlose wachsen, hatte Naruyama es nie geschafft. Einen Trumpf aber hatte Naruyama im Ärmel, war doch Küchendienst im Sumostall Pflicht: Er kannte das Geheimnis einer Siegermahlzeit.

Ordentlich Salz muss in die Brühe, denn wer um fünf Uhr morgens aufsteht, um zu trainieren - Mann gegen Mann, bis zur totalen Erschöpfung, der Körper gezeichnet  von des Lehrmeisters Bambusstock -, der schwitzt auch. Genauso wichtig sind Vitamine und Eiweiß, also wallt vom Chrysanthemenblatt bis zum Pilz alles in der Suppenschüssel, nicht zu vergessen: der Fisch.

Naruyama nimmt immer Meerbrasse oder Dorsch und fürs Auge noch ein paar Shrimps, Austern oder Krabben. Fleisch war bei den sumotori früher verpönt. Wenn du einen Vierfüßer isst, wirst du selbst auf allen Vieren im Ring enden, orakelte man. Die Furcht vor der Niederlage war groß. Heute futtern die Ringer reihenweise Hamburger und Hot Dogs, kaum jemand glaubt mehr an solchen Schnickschnack, auch Naruyama nicht. Aber dass sich das Glück locken, dass es sich umgarnen und becircen lässt, davon sind die schweren Jungs nach wie vor überzeugt: Hast du einen Kampf gewonnen, rasiere erstens dein Gesicht nicht, wähle zweitens denselben Weg zur Turnierhalle wie beim letzten Mal, setze drittens denselben Fuß zuerst auf! „Oder", sagt Naruyama grinsend, „kehre viertens in dein Stammlokal zurück!"
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