
Sie kamen aus dem Dunkel. Eine Invasion gepanzerter Truppen, die an Europas Küsten landeten und von den Häfen in einer weiträumigen Zangenbewegung die Flüsse hinaufmarschierten. Die Invasoren eroberten in mehreren Angriffswellen Elbe, Weser, Ems und Rhein, bauten unbemerkt ihre Stellungen an den Flussmündungen aus, sicherten die Nachschubwege, ein Millionenheer, furchtlos, angriffslustig, unbesiegbar. Eine wahre Plage: Chinesische Wollhandkrabben.
Sie verdanken ihren Namen dem Haarwuchs auf den langen dünnen Beinen und kräftigen Scheren. Sie tragen einen Rückenpanzer im Militarylook, olivgrün oder braun gefärbt mit dunklen Flecken, ein bis zu 7,5 Zentimeter großer, schlag- und stichfester Kampfanzug, am Rand fein gesägt, mit vier scharfen und spitzen Sägezähnen an der Vorderseite. Die Angreifer gehören zur Familie der Grapsidae, einer besonders zupackenden Krabbelgruppe unter den Krustentieren mit acht Laufbeinen und zwei Kneifzangen, die beim männlichen Krabbenkrieger kräftiger ausgebildet sind als bei der Ladykrabbe.
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Erst die giftigen Industrieabwässer machten ihnen Mitte des 20. Jahrhunderts zu schaffen; die Population ging deutlich zurück. Doch dank moderner Kläranlagen und wegen des Zusammenbruchs der Industrien im Osten finden sie heute eine geradezu behagliche Wasserqualität und reichlich Beute. Ihr Vormarsch ist nicht zu stoppen. Sie krabbeln bis Basel, Dresden und Prag, siedeln schon im Bodensee, unbeeindruckt von Schleusen und Wehren. Sie scheuen nicht den Landweg, kehren unterwegs gern ein und machen sich über Fischteiche her. Angler hassen die Biester, weil sie die Köder vom Haken knabbern.
Sie leben im Untergrund. Ihre Zahl ist schwer zu schätzen. Sicher ist: Die Schäden, die sie anrichten, gehen in die Millionen. Höchst effizient haben die Allesfresser unsere Fauna unterwandert. Sie vertilgen Algen, genießen alle Arten von Seafood, bevorzugt Fischlaich, Muscheln und Jungfische, aber auch Würmer, Insektenlarven und Aas. So haben sie einen großen Teil der heimischen Krebsarten verdrängt, sind als Fresskonkurrenten der Edelfische mehr als erfolgreich und stören den Selbstreinigungsprozess der Flüsse.
Auch Fischer Anton Kardel ist nicht gut auf die Biester zu sprechen. „Sie machen mir die Reusen kaputt, vom Zander keine Spur, die Aale brechen aus." Die Reuse ist das kalte Buffet der Wollhandkrabbe. Was darin landet, wird angefressen oder getötet, die Netze werden zerrissen. Das bedeutet Arbeit, wochenlanges Netzeflicken.
Anton Kardels Kutter heißt „Karin II" und liegt am Nord-Ostsee-Kanal in Kiel-Holtenau. Meist fährt Fischer Anton um vier Uhr früh hinaus, holt seine Netze ein, leert seine Reusen und verkauft ab sieben Uhr seinen Fang, Dorsch, Butt und Hering, Aal und Zander. Drei Kisten sind dabei, in denen es poltert und rumpelt. Er öffnet den Deckel. Wie haarige Monster krabbeln Wollhandkrabben übereinander, wollen raus.
Warum plötzlich so viele Krabben die Kieler Bucht bevölkern, kann Kardel sich nicht erklären. „Früher fing ich zehn am Tag, dieses Jahr waren es ein paar hundert, so viel wie noch nie. Im Spätsommer waren die überall, liefen über die Straße. Sie sind wahnsinnig fix, wenn sie die Biege machen." Die Kieler Förde ist der ideale Wohnort für Wollhandkrabben. Sie kommen, anders als alle heimischen Krebse, in Süß-, Brack- und Seewasser prima zurecht. Ende Mai, sobald das Wasser sich auf eine Temperatur um 14 Grad Celsius erwärmt, werden sie munter, dann wandern die jungen Pioniere gegen den Strom, der lange Marsch flussaufwärts beginnt.
Für die Strecke Hamburg-Dresden durch die Elbe braucht die gemeine Wollhandkrabbe rund drei Jahre. Vier bis fünf Jahre leben die Jungtiere in den Flüssen, bis sie geschlechtsreif sind. Dann machen sie kehrt, lassen sich flussabwärts treiben und schaffen dabei acht bis zwölf Kilometer am Tag. Die Männchen warten in den Flussmündungen, passen die Weibchen ab. Die streben nach der Paarung ins offene Meer, wo sie überwintern. Die Eier tragen sie unter ihrem Pleon, dem gepanzerten Bauch. Im Frühjahr wandern sie
in die Brackwasserzonen der Flussmündungen und legen die Eier ab, die Larven schlüpfen, die Muttertiere sterben.
Die Babykrabbe muss Feinde fürchten. „Möwen fischen sie aus dem Wasser, der Aal beißt sie aus ihren Höhlen heraus", weiß Dirk Brandis, Kustos am Zoologischen Museum Kiel. Eine weiche Beute. Weil ihr Chitinpanzer nicht dehnbar ist, häuten sich die Krabben mehrfach während des Wachstums und werfen ihre zu eng gewordenen Panzer ab. Bis der neue ausgehärtet ist, sind sie schutzlos - eine Delikatesse für Fressfeinde.