Sieben Jahre in Schanghai

Text: Jan Keith
Sie sollten vernichtet werden, und keiner bot ihnen Asyl. Als alle Grenzen schon geschlossen waren, gab es für Juden aus Deutschland einen letzten Zufluchtsort: die ferne Hafenstadt Schanghai.
Feb 2009, No. 72

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Heftinhalt mare No. 72

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Ghetto von Schanghai
Letze Zuflucht für Tausende Juden
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Nein, vergessen konnte sie nie. Wie auch? „Schanghai ist in mir", sagt Sonja Mühlberger. Manchmal sind es Details, die sie wiedererkennt: ein roter Hydrant an einer Straßenkreuzung, ein Waschbecken an einer Häuserfassade, ein achtlos abgestellter Toilettenkübel aus Holz. Juden durften damals nicht fotografieren, deshalb hat sie all die Bilder jener Zeit in ihrem Kopf.

Jetzt, mehr als 60 Jahre später, steht sie da, in Schanghai, auf dem Bund, der Uferpromenade des Huangpu-Flusses. Es ist der berühmteste Ort der Stadt. Drüben am anderen Ufer, in Pudong, ragen Wolkenkratzer um die Wette. Der gewaltigste Bau ist der Fernsehturm, der auf drei
Beinen über der Skyline thront.

Der Ausblick zieht die Menschen magisch an. Es ist laut, es ist eng, zu jeder Tageszeit. „Ich finde es fantastisch", sagt Sonja Mühlberger. Als das Ghetto von Schanghai 1945 aufgelöst wurde und die Juden sich frei in der Stadt bewegen durften, verbrachte sie hier auf dem Bund gerne die Sonntage mit ihren Eltern. „Ich vermisse nur die Hausboote; sie lagen so romantisch zu Dutzenden am Ufer." Auf ihnen wohnten einst sonnenverbrannte, zerlumpte Chinesen, die sich kein Haus leisten konnten. Wo jetzt die Bürotürme stehen, gab es nur Felder, Fabriken und braches Land. Die Zeiten haben sich geändert.

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Und doch spürt Sonja Mühlberger eine sonderbare Vertrautheit, wenn sie durch die Stadt spaziert. Es ist ihr vierter Besuch in Schanghai seit ihrer Rückkehr nach Deutschland im Jahr1947. Die vergangenen Jahrzehnte hat Sonja Mühlberger als Lehrerin in Berlin verbracht, sie hat geheiratet, zwei Kinder bekommen, ein ganz normales Leben in der DDR gelebt. Doch wie sie sich jetzt durch Schanghai bewegt, mit kurzen, schnellen Schritten, die Handtasche lässig über der Schulter baumelnd, sieht es so aus, als sei sie nie weg gewesen.

Autor Jan Keith

Bei einer nächtlichen Taxifahrt durch Schanghai bemerkte Jan Keith, Jahrgang 1971, mare-Redakteur, dass der Fahrer am Steuer eingenickt war. Mangels Chinesischkenntnissen hielt Keith ihn mit lautstarken Geräuschen wach. weitere Infos
Erblickt sie ein Stück Vergangenheit, bleibt sie stehen, Worte sprudeln aus ihr heraus, ihre Hände immer in Bewegung, und für einen Moment ist sie wieder das siebenjährige Mädchen, voller Energie, voller Neugierde, ein quirliges, lebensfrohes Wesen. Plötzlich ist alles wieder da: der Vater, wie er in einem kargen Raum irgendwo in Schanghai sitzt und Eier sortiert; die Mutter, die zu Hause näht, stopft, flickt; und Sonja selbst, wie sie bei jeder Gelegenheit stolz ihren Namen buchstabiert: „Sonja Krips. K-R-I-P-S." „Das Leben in Schanghai war hart. Es sind trotzdem schöne Erinnerungen", sagt sie.

Am 29. März 1939 betreten Hermann und Ilse Krips in Genua die Gangway zur „Conte Biancamano", einem italienischen Schiff der Lloyd-Triestino-Schifffahrtsgesellschaft, er 28-jähriger Kaufmann, sie 20-jährige Schneiderin. Sie lernten sich im jüdischen Sportverein Schild in Frankfurt-Eschersheim kennen. Erst vor Kurzem haben sie geheiratet, doch die bevorstehende Fahrt nach Schanghai ist keine Hochzeitsreise, sondern eine Flucht in die Freiheit.

Zu diesem Zeitpunkt haben die demokratischen Länder ihre Grenzen bereits geschlossen. Deutsche Juden ohne Geld, reiche Verwandte oder hervorragende Beziehungen sitzen fest, eingeschlossen in einem Land, das Juden in Konzentrationslager deportiert, jüdische Geschäfte plündert und Synagogen anzündet. Amerika? Palästina? Großbritannien? Schweiz? Unerreichbar für die meisten jüdischen Familien, auch für die Krips.

Schanghai ist die letzte verbliebene Chance, der Vernichtung zu entgehen. Man benötigt kein Visum, keine amtlichen Genehmigungen, keinen Nachweis über die finanzielle Unabhängigkeit, und eine Passkontrolle gibt es auch nicht. Ein sagenhafter Ort. Doch das Ende der Welt ist gefährlich, so hört man. Die Japaner, die mit den Deutschen verbündet sind, haben China angegriffen und halten seit 1937 Teile von Schanghai besetzt. An den Küsten tobt ein Krieg. Es kursieren Gerüchte, Schanghai sei eine Stadt ohne Recht und Gesetz, in der Verbrecher frei herumlaufen und ohne Angst vor Bestrafung Menschen töten.

Kriminalität, Prostitution, Korruption, Krankheiten - wie um Himmels willen soll man in so einer Stadt überleben? Hermann und Ilse Krips wissen es nicht. Doch die Aussicht auf Rettung treibt sie an. Ihre kleine Wohnung in Frankfurt am Main haben sie aufgegeben. Nun halten sie zwei Koffer, die kostbaren Ausreisepapiere und die Passagebilletts fest in der Hand. Hermann hat ein Wörterbuch dabei, „Englisch in 10 Tagen". Und Ilse trägt einen weiten Mantel. Sie ist schwanger.

Die Schiffssirenen des großen, weißen Luxusdampfers heulen auf, die letzten Passagiere gehen an Bord. Vor ihnen liegt eine vierwöchige Fahrt über Port Said, Sues, Aden, Colombo, Singapur, Hongkong nach Schanghai. Nach den Grausamkeiten, die die Juden in Deutschland erlebt haben, ist das Leben an Bord so friedlich und ruhig wie lange nicht mehr. Der Speisesaal ist mit edlem Holz ausgestattet, Kristallleuchter glitzern, die italienischen Stewards servieren das Essen in weißen Uniformen.

Die Mehrheit der jüdischen Flüchtlinge, denen zwischen
1937 und 1941 die Flucht nach Schanghai gelingt, kommt aus Deutschland, rund ein Viertel aus Österreich, etwa 1000 aus Polen, einige hundert aus Italien, der Tschechoslowakei, Rumänien und Ungarn. Insgesamt sind es etwa 18000 Menschen, die meisten sind assimilierte Juden, die zur Mittelschicht gehören, Anwälte, Ärzte, Ingenieure, Kaufleute. Doch jetzt stehen sie vor dem Nichts. Ihre Wertsachen wurden konfisziert. Sie besitzen nur noch die Kleider, die sie am Leib tragen, dazu 20 Kilogramm Gepäck und zehn Reichsmark, mehr darf nicht ausgeführt werden.

Aber immerhin, sie sind am Leben. Am 26. April 1939 nähert sich das Schiff mit Hermann und Ilse an Bord Schanghai. Die Passagiere drängen sich an Deck, recken ihre Hälse, um einen besseren Blick auf ihren neuen Wohnort zu erhalten. Noch bevor das Ufer klar zu erkennen ist, steigt der Geruch von fauligem Müll und Abwasser in ihre Nasen. Die kühle Meeresbrise weicht einer drückenden Hitze. Überall sind Hausboote zu sehen, die auf der trüben Brühe schaukeln. Am Pier stehen Männer, die unter lautem Gelächter in das nach toten Fischen stinkende Hafenbecken urinieren.

1 Kommentar

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Julia Scheuffele
Sonntag, 29. März 2009 um 16:28

ein sehr guter und informativer Artikel. Das Hongkou Qu kenne ich, denn da wohnen einige (chinesische) Freunde von mir. Einer meiner besten Freunde ist 1958 in Hongkou geboren, dass immer auch ein Arbeiter und Armeleute Viertel war. Ich wusste bisher nicht, dass die Japaner dort ein juedisches Ghetto eingerichtet hatten .

Für viele Flüchtlinge ist die Ankunft ein Schock. Heute früh saßen sie noch an einem festlich gedeckten Tisch mit Silberbesteck, nun sind sie umringt von schmutzigen, zerlumpten Chinesen, die auf die Straße rotzen. Die Hitze und der Gestank nehmen den Ankömmlingen die Luft zum Atmen, einige übergeben sich ins Hafenbecken. Sind sie in der Hölle gelandet?

Die Chinesen erweisen sich als hilfsbereit. Sie helfen den eleganten Herren und verängstigten Damen mit Pelzmänteln und modischen Hüten auf die wartenden Lastwagen. Auf dem Weg zu ihren Notunterkünften fahren sie vorbei an riesigen Öltanks, langen Kais und Lagerhäusern. So haben sich die meisten Flüchtlinge Schanghai nicht vorgestellt. Die Häuser, die sie sehen, haben keine geschwungenen Dächer, sie sind auch nicht mit Drachen verziert. Was sie sehen, ist eine riesige Metropole.

Schanghai hat 1939 mehr als fünf Millionen Einwohner. Nirgendwo gibt es mehr Prostituierte, nirgendwo ist die Verbrechensrate so hoch. Doch zugleich ist die Stadt ein Treffpunkt für Geschäftsleute aus aller Welt. Schanghai verfügt seit dem 19. Jahrhundert über exterritoriale Gebiete mit eigener Verwaltungs-, Zoll-, Gerichts- und Polizeihoheit. Ausländer haben Privilegien, sie brauchen weder Steuern zahlen, noch sind sie der chinesischen Gerichtsbarkeit unterstellt. Der Sonderstatus geht auf die Briten zurück, die nach Ende des Ersten Opiumkriegs den Chinesen ein Stück Land abgetrotzt hatten. Es ist eine chaotische Stadt ohne Rechtsklarheit, ohne Ordnung, ohne Paragrafen, die eine Einreise beschränken.

Zehntausende Ausländer leben in jener Zeit in Schanghai, darunter auch wohlhabende sephardische und aschkenasische Juden, die sich bereits vor Jahrzehnten hier
angesiedelt haben. Sie trommeln eilig Empfangskomitees zusammen, sammeln Geld, sodass die Ankömmlinge aus Europa verpflegt und untergebracht werden können. Jeder Flüchtling erhält eine Decke, ein Laken, einen Teller, eine Tasse und einen Blechlöffel.

Der Stadtteil, in den die meisten gebracht werden, heißt Hongkew. Er liegt nordöstlich des Zentrums und wird von den Einheimischen „das böse Land" genannt. Ruinen und einsturzgefährdete Mietshäuser säumen die Gassen, Dächer sind abgedeckt, Fenster zerbrochen, Türen aus den Angeln gerissen. Es ist eine heruntergekommene Gegend, zerstört und besetzt von den Japanern, ein Viertel, in dem die ärmsten Chinesen der Stadt wohnen und obdachlose Landstreicher umherziehen.

Wer kann, zieht woandershin. Doch Hermann und Ilse haben keine Wahl. Sie wohnen zunächst in einer provisorisch ausgebauten Missionsstation mit 74 Doppelstockbetten, später finden sie ein Zimmer an der Washing Road im Nordosten Hongkews. Eine morsche Treppe führt hinauf zur winzigen Wohnung im ersten Stock, in der es feucht und modrig riecht. Das Dach ist undicht, die Wände sind rissig. Wenn es regnet, tropft es hinein. Es gibt einen Tisch, einen Schrank mit einem Spiegel, eine Kommode. Aus den beiden Koffern basteln sie notdürftig ein Bett - für Sonja. Sie wird am 26. Oktober 1939 geboren und ist eines der ersten Flüchtlingsbabys, die im Schanghaier Exil zur Welt kommen.

Die Miete bezahlt Hermann von seinem ersten Lohn. Er hat Arbeit bei einer jüdischen Hilfsorganisation gefunden. Dort übersetzt er, stenografiert und tippt Briefe auf der Schreibmaschine. Als er kurze Zeit später entlassen wird, versucht er sich als Bäcker, entwickelt zusammen mit einem Chemiker sogar ein neues Brotrezept. Doch die Behörden schließen die Backstube wieder. Schließlich findet er bei einem Chinesen einen Job als Eierverkäufer, den er jahrelang ausüben wird.

Andere jüdische Männer haben weniger Glück. Jeden Morgen sieht man sie losziehen in die Stadt auf der Suche nach Arbeit, meist vergeblich. In der Not springen die Ehefrauen ein, oft zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie arbeiten in Büros, als Krankenschwester oder Hausangestellte, oft sitzen sie gemeinsam unter einer einzigen Glühbirne, stricken Pullover oder nähen Kleider, um ein bisschen Geld zu verdienen.

Doch es reicht oft nicht. Viele Familien, die zu Hause in Deutschland wohlhabend waren, müssen lernen, mit einem ständigen Hungergefühl zu leben. Zu essen gibt es meist nur Reis, Sojabohnen und Blattgemüse, das nach nichts schmeckt. Manche bekommen nicht mehr als eine Suppe in der Armenküche. Wöchentlich bringen die Liniendampfer „Conte Biancamano", „Conte Verde" und „Conte Rosso" weitere Flüchtlinge aus Europa. Die jüdischen Hilfskomitees sind überlastet; sie schaffen es kaum noch, die Neuankömmlinge zu versorgen.

Nach dem Angriff der Japaner auf die US-Marinebasis Pearl Harbor im Dezember 1941 bleiben auch noch die amerikanischen Hilfslieferungen aus. In ihrer Verzweiflung verkaufen die verarmten Exilanten ihre letzten Habseligkeiten - oft an japanische Soldaten, die ihre Überlegenheit ausnutzen und nur Kleingeld geben.

Inmitten des Elends wächst Sonja heran. Der Schmutz, die schwüle Hitze im Sommer, die bittere Kälte im Winter, der Hunger, das alles belastet sie nicht so sehr wie die Erwachsenen, sie kennt es nicht anders. Sonja ist ein neugieriges Kind und beobachtet interessiert, was um sie herum passiert. Sie sieht, wie Kulis eilig ihre Karren hinter sich herziehen, wie Briefeschreiber an ihren Tischen sitzen und seltsame Zeichen malen, wie Zahnärzte Patienten im Freien behandeln und die gezogenen Zähne an einer Schnur zur Schau stellen. Und überall Bambus, eine Wunderpflanze, die die Chinesen für alles Mögliche verwenden: Sie flechten Körbe daraus, in denen Gerichte gegart werden, formen Stangen, an denen sie schwere Waren transportieren. Es gibt Bambuswäscheleinen, Bambusmöbel, Bambusskulpturen.

Gerne sitzt Sonja auf dem kleinen Balkon der Wohnung und schaut hinunter, wo sich jeden Morgen ein seltsames Ritual abspielt. Drüben auf dem freien Feld auf der anderen Straßenseite sitzen Chinesen in Reih und Glied mit nacktem Hinterteil. Erst weiß sie nicht, warum sie das immer tun, dann aber versteht sie: Sie verrichten ihre Notdurft. Jedes Mal steht ein Mann hinter ihnen, der die Exkremente in einen Eimer schaufelt, um sie später als Dünger zu verkaufen. Wie gut, dass sie nicht aufs Feld gehen muss, denkt Sonja. Ihre Eltern besitzen einen eigenen Klosettkübel, der täglich von einem Chinesen geleert wird.

Die jüdischen Exilanten und die Chinesen in Hongkew respektieren sich gegenseitig, doch vertrauensvoll wird das Verhältnis nie. Man bleibt unter sich, lebt friedlich neben-
einander, aber nicht miteinander. Sonja spielt meistens mit anderen jüdischen Kindern, Ballspiele oder Issendoga, ein Spiel, bei dem die Mädchen über eine Schnur springen, die aus vielen einzelnen Gummiringen zusammengeknüpft ist. Hin und wieder tobt sie auch mit den Kindern des chinesischen Besitzers der Luftballonfabrik herum, die sich nicht weit entfernt an der gleichen Straße befindet. Einmal darf sie sogar einen Blick in die Fabrik werfen.

Als Sonja knapp vier Jahre alt ist, im Februar
1943, macht ein Erlass die Menschen unruhig; er ist überall in der Stadt angeschlagen, er tönt aus allen Radios und ist abgedruckt in den Zeitungen: „Alle staatenlosen Flüchtlinge" - gemeint sind die Juden - „sollen in einen begrenzten Sektor ziehen." Ganz unverhohlen, ohne Vorwarnung schaffen die Japaner, die inzwischen die gesamte Stadt kontrollieren, ein jüdisches Ghetto - ein etwa 2,5 Quadratkilometer großes Areal in Hongkew.

Ein Schock. Vor allem für die Flüchtlinge in der „Französischen Konzession", dem französischen Kolonialviertel, wo das Leben weniger hart ist. Ihre mühsam aufgebaute Existenz ist zerstört. Man sieht sie jetzt, wie sie sich voller Angst durch die armseligen Straßen von Hongkew kämpfen - es sind Hunderte auf der Suche nach einer Bleibe. Warum bloß dieses Ghetto? Man munkelt, dass sich die japanischen Besatzer dem Druck der Deutschen gebeugt haben. Beweise dafür gibt es nicht.

Bis zum 18. Mai 1943 müssen sich alle jüdischen Flüchtlinge im Ghetto eingefunden haben. Hermann und Ilse sind wie gelähmt vor Entsetzen. Sogar hier in Schanghai, der Stadt, in der sich Diebe, Mörder und Zuhälter frei bewegen können, sind Juden nun Ausgestoßene, eingepfercht zu Tausenden in diesem Elendsviertel. Es gibt strenge Regeln. Wer aus Hongkew hinaus will, braucht einen Passierschein, den man den japanischen Soldaten vorzeigen muss. Sie stehen mit grimmiger Miene an den Ausgängen, stoßen barsche Kommandos aus und machen sich mit ruckartigen Handzeichen verständlich. Wer sich unerlaubt aus dem Ghetto entfernt, dem drohen Prügelstrafe und Folter.

Angst und Schrecken verbreitet vor allem ein Mann: Goya, der japanische Chefaufseher, der sich selbst zum „König der Juden" ernannt hat. Jeden Tag stolziert er in Begleitung von Soldaten durch Hongkew. Der Mann mit den Narben im Gesicht ist unberechenbar und bösartig, seine Wutausbrüche sind berüchtigt. Ilse und Hermann warnen Sonja: Halte dich von diesem Mann fern!

Oft steht er auf einem Podest, um größer zu erscheinen. Vor ihm warten Flüchtlinge, die ihn um einen Passierschein bitten wollen. Viele müssen das Ghetto verlassen, um Arbeit zu finden oder weiter ihren Geschäften nachzugehen. Morgens bilden sich lange Schlangen, aber Goya taucht selten vor Mittag auf, er verspätet sich absichtlich. Manchen verweigert er das Gespräch, jeden Moment kann er sich abwenden, einfach so, ohne erkennbaren Grund. Er hat die Macht, und die bekommen die Juden zu spüren. Ohne seinen Stempel haben viele nichts zu es-
sen. Es ist ein erniedrigendes Ritual.

Aber er lässt sie am Leben. Es gibt keine Todeskommandos, keine Deportationen,
keine willkürlichen Erschießungen auf der Straße. Das Schanghaier Ghetto ist nicht zu vergleichen mit den Ghettos in Europa. Innerhalb des Areals können die Juden tun und lassen, was sie wollen, ohne Angst um ihr Leben. Hier haben sie Freiheiten. Und sie nutzen sie, so gut es geht. Cafés nach europäischem Vorbild entstehen in Hongkew, bayerische Würste hängen in den Schaufenstern, es gibt Bäckereien, Schneidereien und Friseursalons. Jedes Handwerk, jede Fingerfertigkeit ist gefragt, die Flüchtlinge versuchen, sich mit ihrem Schicksal zu arrangieren. Sie versuchen, wie zivilisierte Menschen zu leben. Irgendwie.

Manche aber schaffen es nicht. Man sieht bettelnde Flüchtlinge ohne Schuhe über die Straßen schleichen, die Füße in zerlumpte Tücher gehüllt. Man sieht jüdische Frauen, abgeglitten in die Prostitution, Arm in Arm mit betrunkenen japanischen Soldaten. Hermann und Ilse aber haben einen eisernen Überlebenswillen. Er behält seinen Job als Eierverkäufer, sie verdient als Schneiderin ein bisschen Geld. Sie schaffen es sogar, für Sonja einen Kindergartenplatz zu ergattern. Später geht sie auf eine Schule für Exilantenkinder, in der auf Englisch unterrichtet wird. Chinesisch lernt sie nie. Auch nicht Peter, der Zweitgeborene.

Es ist ein Leben in der Warteschleife. Ilse liest Sonja immer wieder deutsche Märchen vor, Schneewittchen etwa. Als Sonja wissen will, was ein Wald ist, erklärt sie ihr, sie solle sich einen Baum vorstellen, und noch einen, und noch einen, das sei ein Wald. Und als es einmal schneit, nimmt Hermann seine Tochter mit aufs Dach. Sie soll ihre Hände in den Schnee halten, um ein Gefühl dafür zu bekommen.

Aus Monaten sind Jahre geworden. Der Weltkrieg scheint nicht enden zu wollen. Er erreicht 1945 sogar Hongkew. Bomben fallen, Häuser werden zerstört, Emigranten getötet. Die Erlösung kommt erst eines Morgens im August des Jahres. Ein junger Mann läuft die Straßen auf und ab, reißt die Menschen mit seiner grellen Pfeife aus dem Schlaf. „Aufwachen! Die Wachposten sind weg! Die Yankees kommen! Es ist ausgestanden!"

Zwei Jahre wird es noch dauern, bis die Krips in ihre Heimat zurückkehren. Sie wollen Deutschland mit aufbauen. Und da die Einreise in den Osten Deutschlands unbürokratischer ist als in den Wes-
ten, zieht es sie in den russischen Sektor von Berlin.

Kurz vor ihrer Abreise ist in einer Schanghaier Zeitung ein Brief an all die jüdischen Kinder abgedruckt, die in der chinesischen Hafenstadt Zu-
flucht vor den Nazis fanden. „Endlich dürft auch ihr fahren, und gleich so lange und so weit, bis in die Heimat, die den meisten von euch unbekannt ist, denn ihr wart noch zu jung, als ihr Deutschland verlassen habt, und viele von euch sind erst hier geboren. In der Heimat wird viel Neues auf euch einstürmen, denn ihr habt einen Laub- oder Nadelwald, eine mit Gänseblümchen besäte Wiese, ein Kornfeld mit seinem leuchtenden Mohn oder blauen Kornblumen nie gesehen. Und trotzdem sollt ihr Schanghai nicht vergessen, wo ihr bestenfalls Reisfelder, Pagoden und Dschunken gesehen habt. Ihr sollt diese Stadt nicht vergessen, die euch so manches geboten hat, um das euch die gleichaltrigen Kinder in Europa beneiden, denn für sie waren diese Jahre Jahre des Schreckens."

Heute sind die Spuren des Ghettos verwischt. Die Wohnung der Krips in Hongkew, das heute Hongkou heißt, ist einer riesigen Baustelle gewichen, nicht weit davon entfernt errichtet Siemens gerade einen modernen Bürokomplex. Darum herum gesichtslose Mietshäuser aus der Mao-Zeit. Ein paar alte Gebäude haben sie stehen lassen, die Ohel-Moishe-Synagoge dient als Museum, und in einem Park in der Nähe findet man einen Gedenkstein.

Sonja Mühlberger geht vorbei an unzähligen blinkenden Leuchttafeln, die ihr Licht auf Tausende von Menschen werfen, wühlt sich durch das Gedränge auf der East Nanjing Road, der Haupteinkaufsstraße, vorbei an Kaufhäusern, Fast-Food-Läden, weicht einer Touristenbahn aus, die sich den Weg freihupt, und biegt in eine Gasse ein.

Auf einmal verstummen die Geräusche, keine singenden Videoleinwände mehr, keine hupenden Autos. Stattdessen säumen Garküchen die enge Straße, es wird gekocht, gegessen, getratscht. Es riecht nicht mehr nach Abgasen und Baustellenstaub, sondern nach Sojasauce, Nudelsuppe und Abfall. „Das ist es", sagt Sonja Mühlberger und bleibt stehen. „So hat Schanghai damals gerochen. Das ist der Duft meiner Kindheit."

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Julia Scheuffele
Sonntag, 29. März 2009 um 16:28

ein sehr guter und informativer Artikel. Das Hongkou Qu kenne ich, denn da wohnen einige (chinesische) Freunde von mir. Einer meiner besten Freunde ist 1958 in Hongkou geboren, dass immer auch ein Arbeiter und Armeleute Viertel war. Ich wusste bisher nicht, dass die Japaner dort ein juedisches Ghetto eingerichtet hatten .