Der Havariekommissar

Wenn in der Karibik Schiffe brennen, kollidieren, auf Riffe krachen oder sinken, alarmieren die Versicherungen Frank Bolle. Der Schiffbauingenieur sitzt im kolumbianischen Cartagena und wartet nur darauf, den Ursachen der großen und kleinen Katastrophen nachzuspüren.
Apr 2005, No. 49

Heftinhalt mare No. 49

LAMPEDUSA
Ein Mann rettet 20.000 Menschen

SEEMANNSMISSION
Die Seele des Hafens

HAVARIEKOMMISSAR
Koryphäe der Katastrophen
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Feuer im Maschinenraum! Die Männer von der Nachtschicht schließen alle Ventile und schalten die Ventilatoren aus. „Luken dicht!", hallt es. Die Karibikkreuzfahrt der „Vistamar" findet unter dem Sternenhimmel zwischen Tobago und Martinique ein jähes Ende. In den Gängen und Kabinen heulen die Sirenen. 300 deutsche und österreichische Rentner springen erschrocken aus den Kojen. Während die Kreuzfahrtgäste bald zitternd in ihren Rettungswesten an den Booten stehen, gelingt es der Crew, den Brand zu löschen. Mit der zweiten Maschine steuert das spanische Schiff nun den nächsten Hafen an.

Nur wenige Stunden später geht in Cartagena, an Kolumbiens Karibikküste, das Telefon. Denn das ist ein Fall für den 52-jährigen deutschen Schiffbauingenieur Frank Bolle. Der wohl genährte Rheinländer sitzt in seinem nüchternen, klimatisierten Büro und greift mit ruhiger Hand zum Hörer - wie immer in freudiger Erwartung. Denn sobald in der Karibik Schiffe brennen, kollidieren oder sinken, steht der deutsche Experte ganz oben auf der Telefonliste der internationalen Versicherungsgesellschaften: „Havariekommissar Bolle, übernehmen Sie!"

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Er macht das gerne. „Die schönsten Havarien sind eigentlich die mit CTL - constructive total loss", schwärmt Bolle, der 23 Jahre Erfahrung als Sachverständiger für Schiffsunglücke vorweisen kann. Ein Totalschaden nach seinem Geschmack war beispielsweise die Havarie der „Sun Dancer": „Vor der Hafeneinfahrt von Barranquilla hatte der Frachter in schwerer See Ladung verloren. Und die durchbohrte im Wellengang die Außenwand des Schiffes", erzählt Bolle. Der Kapitän des deutschen Frachters lag zur Zeit des Unglücks sturzbetrunken in der Koje.

Autor Peter Korneffel

Autor Peter Korneffel lebte mehrere Jahre in Cartagena. Auch Fotograf Stephen Ferry besuchte die kolumbianische Hafenstadt regelmäßig. Für ihre Reportage wünschte ihnen Bolle eine „wunderschöne Havarie", aber weil es dazu nicht kam, lernten die Reporter vor allem die zweite Leidenschaft des Kommissars kennen: gute Geschichten und feines Essen. weitere Infos

Als Frank Bolle Pier 1 erreichte, lag der „Sonnentänzer" bereits mit schwerer Schlagseite nach Backbord im flachen Hafenbecken. „Der Laderaum war vollgelaufen, und Diesel drang aus. Etliche Container schwammen umher und blockierten die Hafeneinfahrt. Alle Lukendeckel lagen im Wasser, und eine Armee von kolumbianischen Bürokraten hatte sich bereits versammelt, um das Schauspiel zu genießen." Bereits nach seiner ersten Inspektion war dem Havariekommissar klar: „Zahlen und gleich aussteigen. CTL! Schaden und Bergungskosten übersteigen die Kaskosumme."

In Barranquilla, nicht weit von Cartagena, kommt Bolle noch heute gelegentlich an der „Sun Dancer" vorbei. Hinter Paletten und Förderbändern steckt sie bis heute stumm im Schlick. Schlaff fallen ihre Leinen aus den Augen im Bug. Rost und Splitter blauen Lacks säumen das Wrack. Hafenpiraten haben das Schiff auch von innen völlig ausgeschlachtet. Kurzum, ein erbärmlicher Anblick.

Die Wachpolizisten, die an der Mole bei Bolle stehen, finden solche Geschichten grandios. Und der Versicherungsmann ist ohne Zweifel eine wandelnde Anekdotensammlung. Er spricht klar und ruhig, durchaus mitfühlend. Wenn er von Havarien redet, legt sich allerdings ein sanftes Lächeln auf sein Gesicht. Denn Bolle lebt für diese Schiffe, er liebt sie, egal ob frisch vom Stapel oder schwer angeschlagen.

Nach überstandener Seenot läuft die „Vistamar" schließlich den Kai von Fort-de-France an. Die Rentner bekommen Landgang, und die Mannschaft macht sich an die Aufräumarbeiten. Frank Bolle gelangt nach einer Odyssee von Anschlussflügen über Cartagena, Panama-Stadt, Puerto Rico und Guadeloupe „auf schnellstem Weg" nach Martinique. Wie immer wird er herzlich empfangen, denn es geht um viel Geld und vielleicht um die berufliche Zukunft des Kapitäns.

In weißem Overall und blauem Helm steigt der Deutsche in den Maschinenraum, ausgerüstet mit Taschenlampe, Kamera, Metermaß und Notizbuch. Ins Protokoll tippt er später: „Im Umkreis von drei Metern oberhalb der Maschine ist alles von Feuer gezeichnet. Lampen, Kabel und Lack sind hier völlig weggebrannt. Asche und allerorts Spuren von schwarzem Rauch." Und an einer Einspritzpumpe entdeckt er, was ihm der Maschinist bereits berichtet hatte: Unter Hochdruck waren Schrauben weggebrochen, was die Dieselleitung zum Bersten brachte. Und der austretende Treibstoff entflammte auf der heißen Maschine. Als Fazit hält Bolle in seinem Protokoll abschließend fest: „Die Version des Chefingenieurs ist übereinstimmend mit den an der Maschine vorgefundenen Gegebenheiten."

„Es gibt eben auch deprimierende Einsätze. Nicaragua unter den Kommunisten war wirklich das Grauen für einen Inspekteur." Und Korruption ist in der ganzen Karibik ein großes Problem. Wenn Bolle manchmal zu einer Inspektion in den Hafen kommt, muss er sich den Zugang von den Wachbeamten am Zaun erst kaufen. „Auch die Eigner in der Karibik meinen schon mal, den Fall mit einem Handgeld zu ihren Gunsten zu drehen."

Bolle kennt das Milieu. Als Honorarkonsul sitzt er oft genug zwielichtigen Deutschen mit Passproblemen und Behördenkonflikten gegenüber, nicht selten Männer auf der Flucht vor deutschen Steuerfahndern und Staatsanwälten, die sich aber in Cartagena einen Namen wie „der Führer", „der Kaiser" oder „Hunde-Rudi" machen. Schmuggler, Bordellbesitzer, alte Nazis oder einfache deutsche Rentner mit pädophilen Neigungen.

Derzeit arbeitet Bolle zur Abwechslung in seinem angestammten Beruf als Schiffbauer, ein kleiner Auftrag zur Vergrößerung eines Ölkahns, „nichts Berauschendes". Wenn der kriselnde Schiffbau ihm keine gescheiten Aufträge beschert, sehnt er sich nach Versicherungseinsätzen wie jenem, bei dem sich ein Kohleschubkahn im Sturm auf den Strand eines Fünfsternehotels setzte und tief eingrub. Oder zumindest nach kleinen Fällen, wie ein deutscher Botschafter, der  sein verstimmtes Klavier als versicherten Frachtschaden deklariert. Oder wenigstens nach dem tausendsten Container, der in Cartagena einfach so vom Laster verschwindet.
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