Da bläst er!

Wilson Salukazana hat einen Beruf, den es auf der ganzen Welt nicht noch einmal gibt. Er ist der Walschreier von Hermanus.
Okt 2005, No. 52
Wilson Salukazana hat einen Beruf, den es auf der ganzen Welt nicht noch einmal gibt. Er ist der Walschreier von Hermanus.

Weltkarte

Heftinhalt mare No. 52

ANDREA DORIA
Das Schicksal einer schönen Italienerin

KORALLEN
Festbeleuchtung am Meeresgrund

VAN GOGH
Ein Genie will Meer malen
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Er macht sich zum Clown im großen Saal vor den internationalen Gästen, Engländer, Amerikaner, Iren, Schotten und ein paar Deutsche der anthroposophischen Camphill-Gesellschaft. Auf dem Programm steht „Local entertainment". Es singt der Zwelihle-Chor des Township, die Sänger werden eine Art Gummistiefel-Plattler aufführen.

Wilson Salukazana, der whalecrier von Hermanus, kündigt sie an, Applaus, Rufe, Begeisterung. Er bläst in sein Kelphorn und erzählt von Chester, England, letztes Jahr, als er Ehrengast der Internationalen Konferenz der Stadtschreier war. Der einzige Walschreier Südafrikas, der ganzen Welt. Er trägt einen Lederhut mit einer kleinen, stilisierten Walflosse als Feder. Sehr bayrisch auf den ersten Blick, aber die Hosenträger sind die Riemen für die Tafeln, die vorne und hinten über dem weiten weißen Hemd hängen, als werbe er für Telefontarife oder ein Bierzelt.

Die Tafel zeigt den Morsecode an für die Sichtungen, die er mit dem Horn aus der getrockneten Alge ausruft: New Harbour, Preekstoel, Ficks Pool, Old Harbour, Roman Rock, Kwaiwater, Voelklip. Landzungen, Buchten und Felsen entlang den Kalksteinfelsen, in deren Schutz die Wale sich paaren und gebären in Hermanus, der selbst ernannten Hauptstadt des Wals.

Autor Sven Lager

Sven Lager, Jahrgang 1965, ist Schriftsteller und lebt mit seiner Frau Elke Naters (Seite 78) in Hermanus. Der Kontakt zu Wilson Salukazana ist für Lager folgenreich: Womöglich wird er Teilhaber an dessen Bed & Breakfast. weitere Infos

Wilson Salukazana, der whalecrier von Hermanus, kündigt sie an, Applaus, Rufe, Begeisterung. Er bläst in sein Kelphorn und erzählt von Chester, England, letztes Jahr, als er Ehrengast der Internationalen Konferenz der Stadtschreier war. Der einzige Walschreier Südafrikas, der ganzen Welt. Er trägt einen Lederhut mit einer kleinen, stilisierten Walflosse als Feder. Sehr bayrisch auf den ersten Blick, aber die Hosenträger sind die Riemen für die Tafeln, die vorne und hinten über dem weiten weißen Hemd hängen, als werbe er für Telefontarife oder ein Bierzelt.

Die Tafel zeigt den Morsecode an für die Sichtungen, die er mit dem Horn aus der getrockneten Alge ausruft: New Harbour, Preekstoel, Ficks Pool, Old Harbour, Roman Rock, Kwaiwater, Voelklip. Landzungen, Buchten und Felsen entlang den Kalksteinfelsen, in deren Schutz die Wale sich paaren und gebären in Hermanus, der selbst ernannten Hauptstadt des Wals.

Die Menschen sind hingezogen zum Wal, besonders die Seefahrer zum Glattwal, zum Südkaper. Er ist langsam und neugierig und lässt sich in Küstennähe jagen. Gut harpuniert, trieb sein Kadaver an der Oberfläche, das gab ihm den Namen „Right". Fleisch und Fett sind gut, er ist ölreich, und seine meterlangen Barten, die er zum Aussieben der Leucht- und Ruderfußkrebse benutzt, wurden Halter für Korsette und Büstenhalter. Die Schlacht gegen die Wale hatte begonnen.

Als 1982 der Walfang weltweit verboten wird, ist Südafrika der perfekte rassistische Staat im Gewand der Demokratie. Das christlich verbrämte Überlegenheitsgefühl der frühen Burensiedler ist zur modernen Apartheid geworden. Bürokratie und Staatsterrorismus gehen Hand in Hand. Vielleicht gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Erkennen der Natur als schützenswertes Wunder und dem westlichen Protest gegen den Staatsrassismus. Amerika hat ihn eben erst überwunden; da macht Europa den ersten Schritt: Der Handel mit Südafrika wird boykottiert.

Das Westkap wahrt noch die Oberfläche der alten Zeit. In den Villen und einstöckigen Häusern von Hermanus wohnen Weiße, in den kleinen Häusern mit Gärten die Farbigen, Mischlinge und Nachkommen der Khoi-San und der Kapmalaien. Hier, ohne Gärten, im Schlamm nach ersten Winterregen, wo Mülltüten in den Stacheldrähten hängen, wohnen die Menschen, die Schwarzafrikaner sind wie Präsident Thabo Mbeki. „Ubuntu" heißen seine Townshiptouren, „Gastfreundschaft". Ausländer sind seine Gäste, die er durch die Gassen der Bretterbuden führt. Wilson lebt mit zwei seiner Töchter in einem Zweizimmerhaus bei der Schule, die die Pause mit einer Sirene statt einer Glocke ankündigt.

Walschreier zu werden war und ist für ihn eine seltsame Aufgabe. Um acht verlässt er das Haus, geht zu Fuß durch das Industriegelände in den alten Bahnhof, in dem die Touristeninformation untergebracht ist, und wird der Walschreier. Er ist das Bindeglied zwischen westlicher Welt, den Ausländern und einem modernen, aber armen Afrika. Manche neiden es ihm im Township, aber er hat, er zögert nur kurz, nein, keine Feinde. Widersacher vielleicht. Die Gierigen des Kapitalismus, die die eigenen Leute ausbeuten. Die schwarzafrikanischen Rassisten, die an Rache glauben. Nichts, was ihn stoppen kann. Er hat eine Zauberkraft, die ihn aufrecht erhalten hat all die Jahre, nachdem erst sein ältester Sohn 1997 an Aids gestorben ist und 2000 seine Frau an Diabetes an seinem 60. Geburtstag. Er hat seitdem keinen mehr gefeiert.

Fotograf Antonin Kratochvil

Antonin Kratochvil, Jahrgang 1947, lebt in New York. Dieser Tage ist der Fotograf für sein Lebenswerk mit dem Lucy-Preis ausgezeichnet worden. weitere Infos

Als junger Mann sucht er wie alle anderen Xhosa Arbeit in der reichen und damals vornehmlich weißen Provinz um Kapstadt. Er kommt in den frühen Sechzigern nach Hermanus und arbeitet im „Birkenhead Hotel". Hermanus ist von einem Fischerdorf mit zehn Häusern zu einem internationalen Urlaubsort geworden. Viele Kapstädter haben hier ihr zweites Zuhause, angezogen vom fischreichen Meer, den langen Stränden der Walker Bay und dem Duft des Fynbosch, in dem immer Erika und Proteen blühen, während der Smog sich über die Cape Flats an der False-Bucht legt.

Vom „Birkenhead Hotel" in Voelklip geht der junge Wilson jeden Tag nach der Arbeit in die kleine, nur für blacks bestimmte Kammabaai. Die See wirft sich krachend an den Felsen, und die Köpfe der meterlangen Algen wiegen in der Dünung. Das Meer lebt, es wimmelt von Langusten, Abalones, Pilchards, Haien, Seehunden, Delfinen, Tintenfischen, Sardinen, endlos.

Später arbeitet er in einer Bank, heiratet, wird Vater von vier Kindern, wird nach dem Ende der Apartheid entlassen und 1998 der zweite whalecrier. „Viele Schwarze hier kennen das Meer nicht", sagt Wilson, als wir am alten Hafen spazieren gehen. „Sie wissen nichts von den Walen, die kommen, von den Langusten und den Abalonemuscheln, die heute für den Markt in Asien gestohlen werden. Das ist auch ein Grund, warum ich Walschreier geworden bin. Ein Xhosa, dem das Meer Arbeit gegeben hat - das wundert sie."

Er kann sie selbst nicht alle aufzählen, die Ämter, die er einnimmt. Aids-Komitee, Leiter einer Krippe, Veranstalter der Gospelkonzerte, Tourismusbeauftragter, Townshiptouren, Büchersammlungen für die Townshipbibliothek, Meetings mit lokalen Unternehmern, ehrenamtlicher Mitarbeiter im neuen Beratungsbüro des Black-Empowerment-Programms der Regierung, Anlaufstation aller Sorgen und Nöte. Er ist der Mann, dessen Rat man sucht, obwohl er nur bis zur neunten Klasse in die Schule durfte.

„Als Walschreier kann man besser helfen. Man ist jemand." Wilson grinst. Eine große Zahnlücke unten, der Charme des Unvollständigen in einem Gesicht, das warm sein kann oder abwesend, wenn er sagt, was er schon so oft gesagt hat. Als Walschreier, auf Townshiptours.

Wie die amerikanische ist die südafrikanische Historie, abgesehen von der endlosen Zeitspanne der Ureinwohner, nicht sehr lang, verglichen mit Asien, Zentralafrika oder Europa. Was Wilson für Hermanus erfindet, ist: eine Tradition. Und gleichzeitig ist er ein Korrektiv: ein Xhosa in der altertümlichen Kleidung des Walschreiers, Identität einer Stadt. Die Bilder, die die Touristen nach Hause bringen, zeigen weniger die schwer zu fotografierenden Wale als Wilson Salukazana, wie er ins Kelphorn stößt oder lacht. Der whalecrier ist das Symbol seiner Stadt, einer Zukunft, die Tourismus heißt. Es bedarf immer eines Blicks von außen, um die wahre Größe zu erkennen.

Aber was ist eigentlich whalespotting? Der erste Blick ist der schwierigste. Die Glattwale liegen oft in den Buchten nebeneinander wie U-Boote in einem Hafen, ohne Turm, ohne Rückenflosse. Runde, riesige, schwarze Leiber, gigantische Seegurken für manche, die zum ersten Mal Ausschau nach ihnen halten.

Das Auge erwartet Moby Dick in der glatten Weite der Walker Bay, eine klare Fontäne zumindest, ein Tier, sichtbar wie im Zoo. Erst langsam unterscheidet das Auge die tanzenden Perücken des Kelp von den dunklen Flecken im grünen Meer, die Wolkenschatten sind oder plötzliche Tiefen. Männer mit ausladenden Kameras halten Wacht, atmen kaum, alle blicken angestrengt in das gleißende Hammerschlagmuster der windigen See. Dann plötzlich ein V-förmiger Strahl, typisch für den Glattwal. Eine Viertelstunde später ein Paar, das mit einem Kalb so nah an den Hafenfelsen kommt, dass man daraufspringen möchte und reiten. Wer weiß, ob sie einen spüren würden auf dem Rücken, der manchmal Fischerboote unbemerkt mit sich trägt?

Ein gutes Jahr für Wilson. Er wird demnächst ein Bed & Breakfast im Township eröffnen. Er wird sich verloben mit der stillen und schönen Freundin aus der Nachbarschaft. Und es wird ein verrücktes Frühjahr der Wale. „Come and have a whale of a time!" heißt der Wahlspruch der Stadt. Zwelihle liegt in sicherem Abstand dazu. „Ich kenne einen Mann", erzählt Wilson nicht ohne Schadenfreude, „der in einem der alten, runden Fischerhäuser am Meer wohnt. Sehr exklusiv. Er hat sich gewöhnt an die Hauptstraße und das Donnern des Meeres. Aber was ihn schlaflos macht, sind die fast 100 Wale in der Bucht. Bei einem warmen Südwest hört man es kilometerweit, das Grunzen und das raue, dunkle Geräusch, wenn sie das Wasser aus ihren Atemlöchern ausstoßen: das Röhren der Wale."