Kapitän Jürgen Stolle, MS „Columbus Australia"

Wer erzählt die besten Geschichten vom Meer? Menschen, die den Ozean erlebt haben. mare lässt auf dieser Seite pensionierte Kapitäne zu Wort kommen. Sie beschreiben ein Ereignis, das ihnen wie kein anderes in Erinnerung geblieben ist. Kein Seemannsgarn, sondern Botschaften aus der Wirklichkeit der Seefahrt.
Feb 2006, No. 54

Weltkarte

Heftinhalt mare No. 54

BIKINI
Das Atoll und die Bombe

TATTOO
Vom Körper zum Kunstwerk

SEA DEFENSE
Mehr Mauern braucht das Land
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Ich habe meiner Frau aus jedem Hafen eine Postkarte geschickt. Einmal aber hat sie aus der Zeitung erfahren, was auf unserem Schiff los war. Sie machte in Niendorf an der Ostsee Urlaub, als die Wirtin ihrer Pension aufgeregt auf den Strand lief, mit dem „Hamburger Abendblatt" in der Hand. „Frau Stolle, um Himmels Willen!", rief sie. „Ihr Mann wird belagert." Wir waren rund Australien unterwegs, Brisbane, Melbourne, Sydney, um tiefgefrorenes Fleisch, Wolle und Frucht aufzusammeln und durch den Panamakanal in die USA zu bringen. Ein Teil der Ladung, in Luke 1, bestand aus zehn Containern Yellow Cake, schwach uranhaltige Erde. Damals, im Jahr 1977, ziemlich explosive Ladung, wie wir leider feststellen mussten.

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Zunächst lief alles normal, als wir mit der „Columbus Australia" an der Pier in Melbourne festmachten. Ich fuhr in die Stadt, um einige Dinge beim deutschen Konsulat zu regeln. Als ich zurückkam, hatte sich ein Pulk von 100 Leuten auf der Pier versammelt. Sie riefen: „Rückt die Ladung raus!" Dem Ersten Offizier war das nicht geheuer, er hatte die Gangway einziehen lassen. Jemand zeigte auf mich: „Da ist der Kapitän!" Die Demonstranten begannen auf mich einzureden, doch ich sagte ihnen, dass ich nur auf dem Schiff diskutieren werde. Also ließ man einen Arbeitskorb an einem Kran herüber. Fünf Leute kamen an Bord, ganz gepflegte Erscheinungen. Wir gingen in meine Kajüte; die Wände waren mit Teak verkleidet, es gab einen Schreibtisch, eine Sitzecke, mein Bett stand in einem Schlafraum; das war alles ziemlich vornehm damals. Sofort entbrannte eine Diskussion. „Sie handeln illegal. Yellow Cake kann angereichert werden", schimpfte der Wortführer. „Wenden Sie sich bitte an Ihre Regierung", entgegnete ich, „die hat alles genehmigt." So ging das hin und her, bis er mich anzischte: „Sie handeln wie jemand aus dem Dritten Reich!" Damit war das Gespräch beendet.

Wieder an Land, griff der Anführer zu einem Megafon und schrie: „Dieses Schiff wird bestreikt." Die Menge johlte. Fortan saß immer ein Pulk Leute auf der Pier und hinderte jeden, sich unserem Schiff zu nähern. Einige fingen an, die Seiten der „Columbus Australia" mit Kreide zu bemalen, Sprüche wie „Die Erde gehört uns allen" und bunte Blumen. Ich gab Order, Wasser an der Wand herunterlaufen zu lassen. Die Hafenverwaltung hatte derweil die Polizei alarmiert; Mannschaftswagen fuhren mit Blaulicht vor. Als es dunkel wurde, zündeten die Protestierer mehrere Feuer an. Eigentlich herrschte im Hafen Rauchverbot, wegen der Explosionsgefahr. Wir wurden ziemlich eingenebelt und beobachteten erleichtert, dass die Feuerwehr zu löschen begann und berittene Einheiten der Polizei eintrafen. „Räumen Sie augenblicklich die Pier!", forderte der Einsatzleiter, worauf sich die Protestierer mit Armen und Beinen verhakten. Der Einsatzleiter wiederholte die Aufforderung drei Mal, dann ritten Polizeipferde in die Menge. Einige Demonstranten wurden festgenommen; es gab Gerangel, aber wir empfanden den Einsatz nicht als brutal.

Jedenfalls war die Pier geräumt, kurz nach 23 Uhr, und wir warteten auf die Mitternachtsschicht des Terminals. Eine Stunde verging, dann erhielten wir neue Nachricht: Jetzt streikten die Arbeiter, wegen des Polizeieinsatzes. Was mir ebenfalls Sorge bereitete, war, dass sich Chaoten zurück in den Hafen schleichen konnten, Leinen zerschnitten oder gar versuchten, uns zu kapern. Zum Glück bewachte die Hafenpolizei die Poller. Am nächsten Morgen klingelte im Stundentakt das Telefon. Zeitungen, Radio und Fernsehsender riefen an, denn die australischen Boulevardblätter hatten reißerische Artikel gebracht. Nach einem Dutzend Interviews hatte ich keine Lust mehr, mich ständig zu wiederholen. Ich lud zu einer „Pressekonferenz" in meine Kajüte. Etwa ein Dutzend Reporter kam an Bord, darunter ein BBC-Korrespondent und jemand von Reuters. Am nächsten Tag las meine Frau die Story im „Abendblatt". Der Streik ging weiter, und nach insgesamt einer Woche hatte die Reederei genug. Ich war erleichtert, als wir Melbourne endlich hinter uns ließen.

Eigentlich sollten wir laut Einsatzplan in Sydney Station machen, aber das ließen wir lieber sein. Die Wahl fiel stattdessen auf Port Chalmers, einen kleinen Hafen auf der Südinsel Neuseelands. Bevor wir einlaufen durften, kamen Mitarbeiter der Umweltbehörde an Bord. Sie hielten einen Geigerzähler an ein 300-Liter-Fass mit Yellow Cake. Das Gerät zeigte nichts an.

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